“Der Weg des Qiquan verläuft geradlinig, nur der Einstieg ist schwer zu finden”.
Auf Grund der Charakteristik der Methode stellt das Unterrichten von Yiquan den Lehrer genauso vor eine Herausforderung wie den Schüler das Erlernen. Einige methodische Kunstgriffe können diesen Prozess erleichtern und erfolgreich gestalten helfen.
Wenn man Anfänger in Yiquan unterrichtet ist man sofort mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert, die sich aus der Charakteristik der Yiquan Trainingsmethode ergeben. Im Gegensatz zu anderen Kampfkünsten oder Qigongmethoden gibt es im Yiquan keine der oft langen und genau strukturierten Übungsreihen wie etwa “die 18 Lohan Hände”, “die acht Brokate”, die “zehn Meditationen” oder den teilweise sehr langen Formen im Taiji. Solch strukturierte Übungsformen machen die Methodik für den Lehrer einfach – man beginnt am Beginn und arbeitet sich langsam vor, vielleicht jede Einheit um eine oder zwei Bewegungen. Bei den langen Taiji Formen kann man so seine Schüler für einige Zeit als Kunden binden, schließlich will ja die ganze form vollständig erlernt werden. Das ist vor allem günstig für den Lehrer, zumindest von der finanziellen Seite her.
Ein Nachteil dieses Ansatzes wurde von Wang Xiangzhai in seiner radikalen Kritik der Kampfkünste formuliert: das Üben der (äußeren) Formen geht zu Lasten des Inhalts, d.h. der inneren Qualität und Prinzipientreue des Übens. Außerdem ist der Lerneffekt für den Lehrer (wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass auch der Lehrer vom Schüler lernt) bei dieser Vorgangsweise bestenfalls gering.
Konsequenterweise wurde in der Yiquan Methode auf solche Formen verzichtet. Zwar gibt es auch hier einen Anfang, nämlich das Zhanzhuang, nach etwas tieferem Verständnis der Methode wird jedoch bald klar, dass hier eigentlich schon alles präsent ist. Natürlich kann der Schüler dieses Verständnis erst mit der Zeit entwickeln. Sofort sind wir mit der nächsten Schwierigkeit konfrontiert. Wir erklären die Grundform des Zhanzhuang und verlangen vom Schüler, dass er/sie “einfach nur” dasteht und “nichts tut” weil er dann “alles tut”. diese Übung ist in der Tat so unkonventionell, ja geradezu befremdlich, dass der Schüler wirklich sehr aufgeschlossen und lernwillig sein muss und ein gehöriges Maß an Vertrauen in den Lehrer aufbringen muss.
die nächste Schwierigkeit lässt nicht lange auf sich warten. Das Stehen ist nämlich sehr anstrengen. Fünf Minuten sind bereits eine große Herausforderung. Wie soll also der Unterricht gestaltet werden, wenn die Schüler bereits nach wenigen Minuten die grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht haben?
Dazu kommt noch, dass die Übung einfach aussieht, eigentlich aber sehr komplex ist. Am Anfang müssen wir uns auf wesentliche Elemente beschränken. Die Fehler bei den Schülern sinc zahlreich und leicht zu erkennen, der Lehrer wird sich aber darauf beschränken müssen, nur die gröbsten “Sünden” nach und nach zu korrigieren. Es benötigt eifach einen erheblichen Zeitfaktor bzw. eine gehörige Quantität der Übung um gute Qualität zu erreichen. Die Schüler müssen also Geduld aufbringen und beharrlich üben. Wie kann man aber immer wieder mit der gleichen Übung kommen, wo die meisten modernen Menschen möglichst schnell etwas lernen und möglichst abwechslungsreich unterhalten werden wollen?
Dazu kommt noch, dass die autokorrektive Wirkung des Stehens zuerst einmal unangenehme Gefühle beschert, indem sie nämlich Verspannungen und Blockaden noch verstärkt und deutlich spürbar macht. Der Schüler verspürt also zuerst eine unangenehme Wirkung, wahrscheinlich wollte er eigentlich Verspannungen los werden und jetzt werden sie noch schlimmer! Das Vertrauen in Lehrer und Methode wird wieder stark beansprucht. Und wieder ist ein erheblicher Zeitaufwand vonnöten um diese “Bitterstufe” hinter sich zu lassen und die “Süßstufe” zu erreichen.
Welche Möglichkeiten ergeben sich also vom Aufbau der Unterrichts her?
Wie immer wird es wohl wichtig sein, dass der Lehrer authentisch bleibt, Verständnis für die Probleme der Schüler hat (aus der eigenen Lernerfahrung!), und kreative Strategien zur Problemlösung findet.
Zur Schwierigkeit der geringen anfänglichen Ausdauer beim Stehen bieten sich an die Dauer der Einheit nicht zu lange zu wählen, mehr Zeit für Vorbereitungs- und Abschlussübungen (wichtig für Entspannung) einzuplanen, Zhanzhuang Positionen abzuwechseln und eventuell in einer Abfolge zu üben, abwechslungsreiche Hilfen zum Verständnis der Übungen einzubauen,
- öfter Partnerübungen durchführen, sodass jeweils nur eine Person übt, die andere durch beobachten und korrigieren jedoch auch einen Lerneffekt erzielt
- Zhanzhuang abwechselnd im Stehen, Sitzen und Liegen üben
- Übungen mit Theorie auflockern: theoretische Hintergründe zu Yiquan, Geschichte, Anekdoten,Lehrgeschichten, Philosophisches, mögliche Erklärungen er Wirkung aus westlich medizinischer Sicht, und vor allem entspannenden Humor!
- Zhanzhuang Positionen abwechseln, vor allem leichtere Positionen (Arme tief) den schwereren folgen lassen
- zwischendurch Übungen mit mehr Bewegung einbauen, z.B. “Fensterputzen”
- bald mit Mocabu beginnen, damit etwas Gehbewegung in das Training kommt und die untere Extremität miteinbezogen wird.
- zwischendurch lockern und ausschütteln
- in der Vorstellungsarbeit anfangs auf das Lösen der Verspannungen konzentrieren
- längere Abschlussübungen mit Gesichtsmassage und Abklopfen einplanen
- angenehme Musik verwenden
Trotz dieser Schwierigkeiten und der großen Herausforderung an Lehrer und Schüler gibt es immer wieder sehr gute Erfolge und die Methode verbreitet sich zunehmend in Europa. Förderlich ist hier vielleicht nicht zuletzt der Umstand, das sich Yiquan auch gut mit westlichem rationalem Denken vereinbaren lässt und ohne die blumig esoterische Sprache des konventionellen Qigong auskommt. Auch ein gewisser Leistungsfaktor mag hier durchaus ein Ansporn sein, denn eine halbe Stunde joggen kann man bald, aber eine halbe Stunde Stehen ist schon eine ungewöhnliche Leistung.
Ist der Einstieg erst gefunden ist dem Weg des Yiquan leicht zu folgen!
Schwierigkeiten:
- es gibt keinen vorgegebenen Aufbau wie beim Erlernen von Übungsformen bzw.- reihen
- alles ist sofort da, man beginnt zwar mit dem Stehen, der volle Umfang dieser Methode und Zusammenhänge können noch nicht erkannt werden.
-die Stehübung ist so unkonventionell, der Schüler mus sehr lernwillig und offen sein und viel Vertrauen in den Lehrer haben
- stehen ist anstrengend, am Anfang sind 5-10 min schon viel
- es entstehen zuerst unangenehme Gefühle – Bitterstufe
- die Übung kann einerseits schnell erklärt werden, die Details wären dennoch umfangreich und können nicht gleich aufgenommen werden
- es braucht eine lange Zeit und Quantität der Übung um Qualität langsam zu verbessern. In dieser Zeit muss man in der Übung “am Ball” bleiben und die Schüler bei der Stange halten
- es gibt Widerstände, schmerzen durch Verspannungen, Zweifel an der seltsamen Übung
Abhilfe
- abwechselnd unterrichten
- Übung mit Theorie auflockern: Hintergrundwissen, Philosophisches, Humor!, theoretische Erklärungen, Betrachtung aus westlich – medizinischer Sicht
- Partnerübungen, es übt immer nur einer, der andere lernt trotzdem
- abwechseln von Zhanzhuang im Stehen, sitzen und liegen.
- abwechseln von Positionen, eventuell Abfolgen von Positionen üben
- bald Mocabu einführen, damit auch in den Beinen Bewegung und Abwechslung, Arbeit auch in der unteren Extremität
-anfangs länger bei Vorbereitungsübungen bleiben
- zwischendurch ausschütteln, lockern, gegenseitig ausklopfen
- längere Abschlussübungen, Gesichtsmassage, etc.
- eventuell einfache Qigong Übungen einbauen, keinesfalls jedoch Methoden vermischen!