Wir sind uns alle bewusst, dass unsere moderne Lebensweise zwar bequem aber nicht immer so natürlich und gesund ist. Inzwischen spricht man sogar von „Zivilisationskrankheiten“, dazu zählen lebensbedrohliche Erkrankungen des Herz- Kreislaufsystems (eine der häufigstenTodesursachen) ebenso wie weniger bedrohliche, aber dennoch ernste Probleme wie chronische Rücken- oder Kopfschmerzen. Trotz modernster medizinischer Versorgung scheinen wir diesen Problemen hilflos ausgeliefert zu sein. Die gute Nachricht ist, dass wir selbst Verantwortung übernehmen können und mit Yiquan eine wirkungsvolle Methode bekommen, die mit ihren oft technisch-mechanischen Anweisungen und Vorstellungen (z.B. Metallfedern zusammendrücken und auseinanderziehen) zusätzlich für moderne Westler sehr ansprechend und leicht verständlich ist.
Aus chinesischer Sicht würde man diese Zivilisationskrankheiten damit erklären, dass der „erworbene Geist“, also unser Intellekt, den regulierenden und die Gesundheit erhaltenden „ursprünglichen Geist“ stört, weil er durch die Herausforderungen des modernen Lebensstils das Übergewicht bekommen hat. Wir müssen immer mehr in immer kürzerer Zeit bewältigen, das Tempo scheint sich ständig zu beschleunigen, der Druck lässt nie nach, Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen immer mehr durch mobile Kommunikation und dem Drang nach Flexibilität. Man kann sich leicht vorstellen, wie die „Energie“ nach oben in den Kopf steigt. Es kommt zu einem Krankheitsbild, das man in der TCM als „obere Fülle und untere Leere“ bezeichnet. Wir werden kopflastig, der Körper wird vernachlässigt. Dazu kommt noch, dass geistige Arbeit in unserer Gesellschaft höher eingeschätzt wird als körperliche, der Geist wird dadurch vom Körper abgekoppelt und mehr beansprucht als der Körper. Das äußert sich oft in hochgezogenen Schultern. Als ich anfing chinesische Kampfkunst zu üben, war ich überrascht, dass ich meine Schultern im vermeintlich entspannten Zustand noch einige Zentimeter senken konnte und begann diese unnötige Verspannung auch im Alltag wahrzunehmen und zu reduzieren.
Im gesundheitsorientierte Yiquan stellen wir uns vor, dass wir in einer angenehmen Umgebung, etwa in einer schönen Landschaft in einer entspannten Situation sind. Diese Vorstellungsarbeit ist ein zentraler Punkt im Yiquan (Yi bedeutet Vorstellung). Wir können dazu auch tatsächlich Erlebtes wie etwa Eindrücke aus dem letzten Urlaub verwenden. Auf diese Weise kann man schnell mal zwanzig Minuten Urlaub in der Karibik verbringen, und zwar ohne den Stress der aufwendigen Anreise. Das kommt auch finanziell viel günstiger. Mit dieser Aussage habe ich Ihnen jetzt hoffentlich ein kleines Lächeln entlockt, sie war aber durchaus ernst gemeint! Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen dem Vorgestellten und dem tatsächlich Erlebten kennt, die physiologischen Reaktionen auf diesen „Urlaub mit Yi“ sind die selben. Einer meiner Schüler litt in einer schwierigen Lebensphase an Schlafstörungen. Nach seinem ersten Training konnte er zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder durchschlafen!
Im Yiquan lernen wir, Körper und Geist zu verbinden. Das klingt vielleicht esoterisch, ist aber ganz leicht verständlich. Wir üben zum Beispiel eine einfache Bewegung mit einer bestimmten Vorstellung, das heißt wir machen etwas mit unserem Körper und sind geistig ganz dabei. Die meditative Qualität der Übung ist wie Urlaub für das strapazierte Nervensystem, trotzdem ist das Gehirn sehr aktiv, es gibt ein wahres Neuronen-Feuerwerk und mit regelmäßiger Übung entstehen neue Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen. Viele Übende stellen fest, dass sie anfangs gar keine Kontrolle über einzelne Bereiche des Körpers haben. Sehr häufig habe ich das im Bereich des unteren Rückens beobachtet, also dem Bereich in dem sich die typischen „Kreuzschmerzen“ abspielen. Die meisten Anfänger werden sich beim Training der Verspannungen bewusst, die sie gar nicht mehr gespürt hatten. Leider sind wir anfangs dadurch mit scheinbar negativen Effekten konfrontiert, die sich aber allmählich überwinden lassen. Entspannung ist ein aktiver Prozess den uns niemand abnehmen kann. Eine Behandlung vom Masseur kann kurzfristig Erleichterung bringen aber wenn wir unsere Verspannungen nicht selbst „abschalten“ und Fehlhaltungen korrigieren werden sie sich immer wieder neu aufbauen. Die Stehübung korrigiert diese Fehlhaltungen nach und nach und lehrt uns, uns aktiv zu entspannen.
Später üben wir mit komplexen Vorstellungen, etwa mit der Vorstellung, uns in mehrere Richtungen gleichzeitig zu bewegen. Dabei bleiben wir aber entspannt, ganz mit der Aufmerksamkeit im Körper und verbinden dessen einzelne Teile zunehmend zu einer Einheit. Die Fähigkeit, konzentriert aber entspannt bei einer komplexen Tätigkeit zu verweilen, hilft uns im modernen Alltag. Wir können so energieeffizient arbeiten und im Köper präsent bleiben.
Durch die Stehübung wird der Körper nicht nur zur Einheit, er bekommt auch eine elastische und starke Struktur. Wir üben oft mit der Vorstellung einen Ball zu halten. In einem luftgefüllten Ball wirkt der Druck der Luft in gleichmäßig nach außen, während die elastische Haut des Balles ebenso gleichmäßig nach innen zieht. Beide Kräfte halten sich das Gleichgewicht. wenn man den Ball auf den Boden schleudert, prallt er zurück. Viele geübte Yiquan Leute machen bei Stürzen die Erfahrung, dass sie ähnlich elastisch vom Boden oder von einem Hindernis abprallen und sich nicht nur nicht ernsthaft verletzen sondern oft kaum Schmerzen verspüren. Das habe ich selbst schon mehrmals sehr eindrücklich erlebt.
Aber auch Menschen die vorwiegend körperlich tätig sind haben oft Beschwerden. Ich arbeitete einige Zeit mit einer Heilmasseuse, die durch ihre Arbeit starke körperliche Schmerzen bekommen hatte. In ihrer Berufsausbildung wurde zwar das nötige Fachwissen über Behandlungsmethoden und die entsprechenden Handgriffe vermittelt, der Köper des Behandlers wurde aber ignoriert. Durch das Yiquan lernte sie bei der Behandlung eine günstigere Haltung einzunehmen und ihren Körper als Einheit zu benutzen. Durch den Einsatz von Vorstellungskraft bekam sie das Gefühl, präziser und müheloser arbeiten zu können. In einer traditionellen asiatischen Methode, wie etwa dem Shiatsu, wären diese Aspekte von Haus aus integriert gewesen, die in ihrer westlichen Ausbildung fehlenden Fähigkeiten konnte sie mit Yiquan kompensieren.
Von der psychischen Seite her ist abschließend noch zu sagen, dass viele Menschen sofort die wohltuende und beruhigende Wirkung der Übungen spüren. Das gut verwurzelte, mit beiden Beinen fest im Leben stehen bringt uns wieder zurück auf den Boden. Allein dieser grundlegende Aspekt der Stehübung ist so wertvoll, dass er von körperorientierten Schulen der Psychotherapie als „Grounding“ übernommen wurde. Das Zusammenbringen der verschiedenen Körperteile im Raum und in Bezug zueinander hat zusätzlich eine heilsame, integrierende Wirkung.
In alldem zeigt sich, wie ganzheitlich und praktisch die Yiquan Methode funktioniert und aufgebaut ist. Einfach und klar strukturiert, dennoch profund.