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Archive for 29. Juni 2010

Ein berühmtes Zitat von Wang Zhangzhai lautet: „Eine kleine Bewegung ist besser als eine große Bewegung, keine Bewegung ist besser als eine kleine Bewegung.“ Beim Zhanzhuang arbeiten wir mit der Vorstellung (Yi) von Bewegung, und zwar im fortgeschrittenen Stadium mit den sogenannten widerstreitenden Kräften. Das bedeutet, dass wir beim nach vorne schieben gleichzeitig nach hinten ziehen, beim steigen gleichzeitig sinken und beim schließen gleichzeitig öffnen (shun li ni xing). Wenn wir uns das Yiquan Prinzip der widerstreitenden Kräfte, die sozusagen als Potenzial in alle Richtungen ständig präsent sind, vergegenwärtigen, wird klar, dass das was als „keine Bewegung“ bezeichnet wird, eigentlich eher die Möglichkeit der Bewegung in alle Richtungen gleichzeitig bedeutet, bzw. Bewegungen, die so klein (und kurz) sind (nur in der Vorstellung stattfinden, was wiederum bedeutet als neuronaler Impuls), dass sie nicht mehr als Bewegung bezeichnet werden können. Bei der Chengbao Position halten wir in der Vorstellung einen Ball, der den Raum zwischen den Armen ausfüllt. Dieser Raum muss „voll“ sein, damit unsere Struktur beim Pushen stabil bleibt. Hier haben wir zum Beispiel die gegensätzlichen Kräfte des Ausdehnens und Zusammenziehens, genau wie bei einem luftgefüllten Ball, bei dem der Luftdruck nach außen dehnt und die elastische Haut des Balles zu seinem Zentrum hin zieht.

Wenn man nun die Sichtweise der Quantenphysik betrachtet sind einige interessante Parallelen erkennbar. Ein Quantenphysiker würde z.B. ein festes Objekt, wie etwa einen Tisch, gar nicht als so fest wahrnehmen. Er weiß, dass der Tisch aus Teilchen besteht, die eine relativ geringe Masse haben und zwischen denen sich eigentlich sehr viel leerer Raum befindet. Weiters weiss der Physiker seit dem Doppelspaltexperiment, dass sich die einzelnen Quanten nicht an einem definitiven Ort aufhalten sondern vielmehr das Potenzial haben, hier oder dort zu sein. Erst wenn der Beobachter „hinschaut“ sind die Teilchen entweder hier oder dort, vorher sind sie potenziell überall. Ähnlich verhält es sich wohl mit den Kräften beim Yiquan. Erst wenn der Gegner etwa schiebt, prallt er von unserer schiebenden Kraft ab oder wird von der gleichzeitig potenziell vorhandenen Gegenrichtung gezogen.

Zumindest könnte man sich das als Nicht-Quantenphysiker und  Yiquan-Adept so vorstellen…

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Artikel veröffentlich in den Salzburger Nachrichten:

STEHEN WIE EIN BAUM

oder: keine Bewegung ist die Mutter aller Bewegungen

Viele Wege führen zur Fitness: Man kann sich in der Kraftkammer abrackern, in Laufschuhen seine Runden drehen. Man kann es mit Qigong, Taiji, Yoga, Pilates oder den fünf Tibetern versuchen. Immer jedoch ist, in Abstufungen, Bewegung nötig.
Anders beim Yiquan. Das klingt, richtig (I-Tschuen) ausgesprochen, wie ein Nieslaut. Und wenn freundliche Mitmenschen das mit „Gesundheit“ quittieren, haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Zumindest wenn man Meister Jumin Chen, der in Salzburg lebt und Yiquan im deutschen Sprachgebrauch lehrt, glaubt. Denn diese traditionelle chinesische Methode soll Geist und Körper fit halten, bei Beschwerden helfen und auch heilen.
„Eine kleine Bewegung ist besser als eine große Bewegung, keine Bewegung ist die Mutter aller Bewegungen“, sagt der Meister. Vom Schwitzen beim Sport hält Jumin Chen nicht viel. „Wenn man zwei Prozent Wasser verliert, sinkt die Leistung um 20 Prozent.“
Die Bewegung, die im Yiquan gelehrt wird, spielt sich im Kopf ab. Die Grundübung heißt denn auch : „Stehen wie ein Baum.“ Während der Körper im entspannt Stehen ruht, arbeitet der Geist, ist die Vorstellungskraft, chinesisch Yi, gefordert. Ein Beispiel: der Übende stellt sich vor vorn und und von hinten, der Oberkörper drückt jeweils dagegen. Ohne sich sichrbar zu bewegen, ohne spürbare Anspannung. Gleichzeitig verbindet die Hände, die auf Brusthöhe gehoben sind, eine imaginäre Stahlfeder. Die wird – nur im Geist – zusammengedrückt und auseinandergezogen. Anfänger halten das einige Minuten aus, Fortgeschrittene können bis zu einer Stunde und länger stehen. Wobei die imaginierten Bewegungen variieren und sich in insgesamt sechs Richtungen ausdehnen. Wang Xiahngzhai, der um 1930 Yiquan als innere Kampfkunst begründet hat, nannte es „ein kraftloses Training, um Kraft zu erwerben; Bewegungslosigkeit, um die Bewegung zu perfektionieren.“
Das „Stehen wie ein Baum“, eigentlich „Stehen wie ein Pfahl“ (chin.: Zhanzhuang), ist die Grund- und Basisübung. Tatsächlich gibt es auch weitere Übungsstufen, in denen sanfte Bewegungen – kombiniert mit Vorstellung – eine Rolle spielt. Und wer will, kann Yiquan auch als Kampfkunst erlernen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg, wie auch ein ungeduldiger junger Mann feststellen musste: „Wann tu ma boxen?“, wollte er am ersten Tag wissen. „Nicht im ersten Semester“, meinte Meister Chen lächelnd. Der junge Mann kam nie wieder.

NORBERT LUBLASSER

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