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Archive for September 2010

Wir nähern uns dem Ende der Ausbildung und es wird deutlich, dass die kampfkunstorientierte Anwendung immer mehr Raum gewinnt. In diesem Seminar wurden in intensiver Gruppenarbeit die 12 wichtigsten Shili-Übungen analysiert, und zwar in Bezug auf

  • Bewegung
  • Vorstellung
  • Bedeutung (Funktion, Anwendung)

Am interessantesten und am meisten diskutiert wurde dabei wohl die Anwendung, bzw. der Bezug zum Tuishou. Dabei bewegt man sich in einem schwierigen Spannungsfeld. Einerseits hat sich Wang Xiangzhai mit seinem Yiquan System ja radikal vom Ansatz festgelegter Techniken mit konkreten Anwendungen und Übungsformen gelöst, andererseits muss man das Training strukturieren und kann mit hilfreichen Grundelementen und Prinzipien die Umsetzung im Tuishou und Sanshou (Freikampf) erleichtern.

Meiner Meinung nach wird deutlich, dass Jumin Chen sich dem Prinzip des eigenen Forschens sehr verpflichtet fühlt und den „formlosen“ Charakter des Yiquan bewahren will. Bewegungen, die nur äußerlich vom Lehrer kopiert werden, ohne eine innere Lebendigkeit, ohne mit Sinn gefüllt zu werden, ohne inneres Verständnis, können nur zu einer toten Kampfkunst führen. Zu starke Eingriffe des Lehrers könnten die Entwicklung und die Eigenständigkeit einschränken.

Dem gegenüber steht das Bedürfnis der Schüler, auf diesem mühevollen und langwierigen Weg der Erkenntnis Hilfestellung zu bekommen und vielleicht die eine oder andere Abkürzung nehmen zu können. Wie gewöhnlich hat wohl der Lehrer mehr Zeit als der Schüler.

Eine solche Lebendigkeit war bei der gemeinsamen „Forschungsarbeit“ jedenfalls zu spüren, zumal auch die Erfahrungen, die einige Schüler in China bei Yao Chengrong gemacht hatten, in die Diskussion einflossen.  Wie schön, dass hier in Europa, wo sich Yiquan wohl auch an die Bedürfnisse europäischer Schüler anpassen und bis zu einem gewissen Grad eigenständig entwickeln wird, die Verbindung zum fernen Ursprungsland China mit der direkten Übertragungslinie von Jumin Chen (Ehrenpräsident von Yao Chengrongs Beijing Yiquan Academy) über Yao Chengrong so stark zu spüren ist!

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Am Anfang dieses Sommers, als es ja tatsächlich ein paar heiße Tage gab, trafen wir uns endlich einmal bei Thomas in Grabenstätt. Ja, wir haben auch gepusht, vor allem aber gegrillt, im Garten von Tomas und Verena (und zwar mit einem Dreifuß), und auch in der Sonne am Tüttensee, wo sich folgendes Gespräch entspann…

Stefan: Ich frage mich ja immer wieder warum Yoga im Vergleich zu den chinesischen Systemen so viel bekannter und populärer zu sein scheint. Was glaubt ihr woran das liegt?

Martin: Naja, ich glaube das hat schon geschichtliche Gründe. Yoga ist halt schon sehr früh nach Amerika und damit in den Westen gekommen. Das war damals in den Sechzigern, als man auf der Suche nach neuen Antworten erstmal nach Indien geschaut hat. Yoga ist deshalb schon lange bekannt.

S: Du beziehst dich jetzt auf die Hippiebewegung mit dem späteren New-Age und dem Human Potential Movement. Das stimmt, man hat aus einer gewissen Unzufriedenheit und spirituellen Leere Antworten in Asien und dort wohl zuerst in Indien gesucht. Damit hast du auch schon angesprochen, dass Yoga ja eigentlich ein spiritueller Entwicklungsweg ist. Die Frage ist, ob das heute noch so eine Rolle spielt. Ich kann mich erinnern dass ein ganz klassisches Buch über Yoga den Titel „Sport und Yoga“ hatte. Außerdem kann ich mich erinnern, dass in den frühen Publikationen oft die Wissenschaftlichkeit des Systems betont wurde. Ob man sich da schon an die westlichen Bedürfnisse anpassen wollte?

Verena: Und später wurde das halt auch durch die Stars in Hollywood bekannt, Madonna zum Beispiel.

M: Die Frage ist, was hat Yoga so wie es heute im Westen hauptsächlich unterrichtet wird noch mit dem eigentlichen Yoga zu tun.

S: Du meinst weil hauptsächlich Asanas gelehrt werden? Pranayama oder gar Dhyana (Meditation) spielen ja in den meisten Yogazentren eine geringe Rolle.

M: So wie ich das sehe wird da heute halt vor allem gestretcht und vom Streching, wie das so in den 80er Jahren populär wurde, wissen wir ja heute, dass das nichts bringt, eher noch schadet. Ich hab in meiner Praxis dauernd Leute mit Kapselrissen und überdehnten Bändern. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Eine alte Freundin von mir ist Yoga Lehrerin und arbeitet einfach ganz sanft, sie sagt immer, was die Leute brauchen ist nicht mehr Beweglichkeit sondern mehr Stabilität, sie lässt sie nicht so tief in die Posen reingehen und dafür relativ lange halten.

Thomas: Genau, das finde ich gut, dazu muss man halt oft Hilfsmittel wie Gurte oder Klötze verwenden. Iyengar hat das viel gemancht.

M: Ja, Iyengar war sehr genau und hatte wohl ein gutes anatomisches Verständnis. Wenn man dann noch die Vorstellungsarbeit von Yiquan reinbringt, dann wird’s interessant.

S: Das hab ich ja vor … 😉 Worin siehst du das größte Problem im heutigen Yoga Unterricht?

M: Eben in der Tendenz über die Grenzen zu gehen.

S: Ich habe das Gefühl, dass Yoga auch deshalb bei uns so gut ankommt weil es halt doch irgendwie so ein Leistungs-Ding aktiviert, obwohl es überhaupt nicht darum gehen sollte. Die Leute spüren, dass es körperlich anstrengend und schwierig ist und das kennt man von unserem westlichen Ansatz zu Sport oder Training. Und dann kommt halt einer bis zu den Zehen runter und die anderen wollen es auch schaffen, so auf die Art. Beim subtilen Qigong, wo es so sehr um Ruhe und feines Spüren geht, tun sich die Leute bei uns viel schwerer. Sie glauben dann wohl auch oft sie haben zu wenig getan, sich zu wenig angestrengt. Andererseits spüren sie sich zu wenig um gut auf sich zu achten und ihre eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das ist sehr problematisch und schade, weil ich glaube, beim Yoga geht es eigentlich viel gerade darum, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren.

T: Im Feldenkreis nehmen wir uns dafür vier Jahre Zeit. Es dauert vier Jahre bis die Leute das richtig spüren.

S: Jedenfalls werden die Dinge oft ziemlich anders interpretiert, bzw. entwickeln sich anders. Bei Taiji war das ja ähnlich, heute wissen viele Taiji-Übende gar nicht mal, dass es sich bei ihrem System um eine Kampfkunst handelt, oder lehnen das einfach ab. Das ist wirklich bedauerlich, auch Hendrik hat ja gesagt, es ist so eine schöne Kunst nur leider geht die Anwendung einfach total verloren. Ich weiss nicht recht was ich davon halten soll, ich bin da ja eher konservativ, andererseits muss man die Dinge auch lebendig halten und weiterentwickeln, das hat auch Wang Xiangzhai so gesehen, und wenn die Leute heute zum Yoga gehen weil sie wie Madonna auch mit fünfzig noch gut aussehen wollen ist das ja auch ok und wahrscheinlich ist der Effekt unterm Strich positiv.

M: Man muss da schon vorsichtig sein, bei manchen Leuten mach ich mir Sorgen wie es ihnen in zehn Jahren gehen wird. Ich hab in meiner Praxis auch immer wieder Leute denen ich sagen muss, dass sie das Laufen aufgeben sollen, die glauben sie halten sich fit, so wird das ja auch propagiert, aber in Wirklichkeit ruinieren sie sich die Gesundheit, es ist halt nicht alles für jeden geeignet. Was der Guru macht, der sich von klein auf mit seiner spirituellen Entwicklung beschäftigt, ist halt nicht unbedingt das Richtige für den Normalverbraucher.

T: Man darf nicht vergessen, dass das eben eine Vorbereitung auf dem Weg der spirituellen Entwicklung war. Jemand hat mal zu mir gesagt „die Erleuchtung geht nicht selten auf Kosten des Körpers und des Menschen“, das hat mir sehr zu denken gegeben.

S: So gesehen müsste man es ja modifizieren, aber halt nicht unbedingt in Richtung Leistung oder Akrobatik. Wie positioniert sich Feldenkreis da eigentlich?

V: Feldenkreis kann dir helfen, Körper und Bewegungen klarer wahrzunehmen. Kommt darauf an was du machst. Thomas hilft das halt sehr bei seiner Kampfkunst.

S: Das Gefühl hab ich auch bei Yiquan. Man kann das sehr gut in andere Sachen einbauen, nicht nur in Sport und Bewegung auch in Dinge wie Geige oder Klavier spielen. Es gibt einige Profi Musiker die davon sehr profitiert haben. Jumin hat das auch immer wieder betont. Und dann hat Yiquan ja auch den Vorteil, dass es positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat.

T: Der Untertitel von Jumin’s Buch ist ja auch „der Weg zur Gesundheit“. Ich denke mir, das gibt seine Richtung  vor.

S: trotzdem sollten wir nicht auf den Kampkunsthintergrund vergessen, sonst nimmt das eine ähnliche Entwicklung wie im Taiji. Mir kommt vor wir reissen hier jede Menge interessante Themen an. Hoffentlich gibt’s ein paar Kommentare auf dem blog!

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