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Ist Yiquan vereinfachtes Taijiquan?

Yiquan findet nicht zuletzt starken Zustrom von langjährigen Taiji-Übenden, die vor allem ihre Fähigkeiten im Tuishou und Freikampf verbessern wollen. Wenn man den Trainingsaufbau des Yiquan näher betrachtet, fällt sofort auf, dass es gewisse Parallelen zum Taiji gibt, vor allem in der Übung des Tuishou. Andererseits fehlen die langen und komplexen Formen des Taiji völlig. Es liegt daher die Frage nahe, ob man im Yiquan ein „vereinfachtes Taiji“ sehen kann. Dazu wollen wir die beiden Künste und den Aufbau des Trainings näher betrachten und anschließend Gemeinsamkeiten und Unterschiede zusammenfassen.

TAIJIQUAN („das Höchste Letzte“, symbolisch dargestellt durch ein Symbol, das Yin und Yang, die beiden ineinander übergehenden Polaritäten zeigt) ist eine Kampfkunst der Neijia, der so genannten „Inneren Schule“. Als legendärer Begründer der inneren Kampfkünste und damit auch des Taijiquan wird der daoistische Mönch Zhang Sanfeng betrachtet. Der Legende nach entdeckte er die Prinzipien der inneren Kampfkünste in den Wudang Bergen, nachdem er den Kampf zwischen einer Schlange und einem weißen Kranich beobachtet hatte. Zhang Sanfeng soll zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert gelebt haben, aber seine historische Existenz ist nicht belegt. Verlässlich lässt sich die Geschichte des Taijiquan bis etwa zur Mitte des 16. Jhd. zurückverfolgen. Damals schrieb Qi Jiguang „Die 32 Arten der Boxformen“. Obwohl darin kein Taijiquan erwähnt wurde, enthält das Buch dennoch einige Techniken und Namen, die auch heute noch im Taijiquan zu finden sind.
Mitte des 17. Jhd. tauchte im Dorf Chenjiagou ein Boxstil auf. Zum Ursprung des Stils gibt es verschiedene Ansichten. Der Überlieferung der Familie Chen zufolge wurde der Stil von Chen Wangting aus seinen bestehenden Kenntnissen der Kampfkünste entwickelt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die so genannten 5 Familienstile gelegt:

  • Chen Stil
  • Yang Stil
  • Wu/Hao Stil
  • Wu Stil
  • Sun Stil

Im Zentrum des Taijiquan Trainings steht die Form, eine je nach Stil unterschiedlich lange Abfolge einer großen Anzahl von Bewegungen, die Kampftechniken repräsentieren. Bedauerlicherweise hat das Taijiquan in neuerer Zeit im Westen eine Entwicklung durchgemacht, die es von den Wurzeln der Kampfkunst entfernt hat. So verstehen viele Übende heute die Bedeutung der Techniken nicht und üben vor allem zur Gesundheitspflege. Vielen ist sogar nicht klar, dass es sich bei Taijiquan um eine Kampfkunst handelt. Das zeigt auch der Umstand, dass die Frage nach dem Unterschied zwischen Taiji und Qigong sehr häufig gestellt wird.
Viele der einzelnen Bewegungen werden nur in eine Richtung geübt und kommen in der Form entweder nur einmal vor oder werden während des gesamten Ablaufs einige wenige Male wiederholt. Die Bewegungen werden langsam, leicht, fließend und entspannt ausgeführt. Die Betonung liegt dabei auf der Entspannung.
Bei den Schritten dominiert die eher weite Schrittstellung des Bogenschrittes. Die Gewichtsverteilung erfolgt fließend von ganz voll zu ganz leer, im Sinne des Wechsels von Yin und Yang. Die Schritttechnik wird innerhalb der Form und nicht separat geübt. Alle Übungen sind in der Form festgelegt und werden nicht frei kombiniert. Von einigen Meistern wurde berichtet, dass sie auch Einzelteile der Form separat übten (z.B. Wolkenhände, Affen verjagen), normalerweise wird aber nur die jeweilige Form mit einem Zeitaufwand von ca. 10-20 Minuten durchgeübt.
Die Bewegungen werden für gewöhnlich mit der Atmung koordiniert, z.B. hebende, öffnende, zurückziehende Bewegungen mit der Einatmung; senkende, schließende, vordringende Bewegungen mit der Ausatmung.
Beim Tuishou (Pushhands) wird vorwiegend mit einer Hand und mit statischer Schrittposition, also ohne Schritte geübt. Die Strategie ist eher passiv, es wird eine Aktion des Gegners abgewartet und dann reagiert. Die Arme werden dabei möglichst entspannt und locker gehalten. Grundsätzlich wird die Kraft des Gegners durch Zurückweichen bis zum Totpunkt aufgenommen und in einer kreisförmigen Bewegung zurückgegeben (Wechsel Yin/Yang), anhand des Taiji Symbols kann Taijiquan als die S-förmige Linie zwischen der Yin und der Yang Hälfte dargestellt werden.
Zhanzhuang wurde auch immer wieder mit Taijiquan (wie auch mit anderen Künsten der Neijia) in Verbindung gebracht, spielt aber heute in den meisten Schulen eine untergeordnete Rolle oder wird überhaupt nicht unterrichtet oder geübt. Wenn Zhanzhuang praktiziert wird dann ebenfalls meist mit Betonung auf Entspannung und mit vorwiegend meditativem Charakter.

YIQUAN („Geist Boxen“, Yi – „Vorstellungskraft“, Quan – „Kampftechnik, Boxen“) wurde im 20. Jhd. von Wang Xiangzhai (1885-1963) vor allem aus dem Xingyiquan entwickelt. Wang formulierte damals eine radikale Kritik an den traditionellen Kampfkünsten und beklagte vor allem, dass es durch zu starke Betonung des Übens unrealistischer und mit nutzloser Theorie überfrachteter Formen zur Vernachlässigung der grundlegenden Prinzipien und der realistischen Kampffähigkeit kam. Schon der Name zeigt dass die Form (Xing) weggelassen wurde und dem Yi die zentrale Bedeutung zugeschrieben wurde. Es gibt also keine Form wie beim Taiji sondern sieben Kategorien von Übungen:
1. Zhanzhuang: auch „Stehende Säule“, „Stehmeditation“, „Stehen wie ein Baum“, bildet die Basis des Yiquan Trainings. „Hat man Zhanzhuang verstanden, hat man 50% des Yiquan verstanden“ (Jumin Chen).
2. Shili: „Kraftprobe“, „Kraft kosten“, sozusagen Zhanzhuang in Bewegung, d.h. mit einer größeren Bewegungsamplitude.
3. Mocabu: „Reibeschritt“ ist die grundlegende Schritttechnik im Yiquan.
4. Fali: „explosive Kraft“. Aus der Entspannung heraus wird in der Kampfanwendung explosive Kraft freigesetzt.
5. Shisheng: Beim Shisheng wird durch das Produzieren von Lauten die Atmung und innere Struktur trainiert.
6. Tuishou: „Schiebende Hände“ und ist auch als „Pushhands“ bekannt. Hierbei handelt es sich um eine Partnerübung, bei der versucht wird, unter Beibehaltung der eigenen Struktur und Stabilität „Lücken“ beim Partner zu finden und diesen zu destabilisieren und zu kontrollieren. Im Gegensatz zum Taiji Pushhands wird im Yiquan auch mit beiden Händen und in Verbindung mit Schritten gepusht. Dadurch wird die Übung realistischer und kann fließend in die nächste Stufe, den Freikamp übergehen.
7. Sanshou: freie Anwendung der Yiquan Prinzipien im Freikampf.
Yiquan ist also ganz klar eine Kampfkunst, wird laut Yao Chengguang jedoch weder zur Neijia (innere Schule) noch zur Weijia (äußere Schule) zugeordnet sondern nimmt eine Zwischenstellung ein.
Darüber hinaus Yiquan jedoch auch als Qigong System zur Gesundheitspflege geübt. Hier gibt es eine klare Unterscheidung zwischen dem Training zur Kampfanwendung und dem zur Gesundheitspflege (Yiquan Yangsheng). Für letztere werden vor allem die ersten 3. Übungskategorien geübt. Auch bei der Schrittposition (Pingbu oder Parallelstand) und bei der Vorstellung („Yin“ Vorstellungen, angenehme Visualisierung von Natur u.ä.) gibt es Unterschiede zum Kampftraining (Jiji Zhuang in Dingbabu; Yang Vorstellungen, z.B. Metallfedern).
Die einzelnen Übungen werden immer in beide Richtungen geübt und sind frei kombinierbar (z.B. verschiedene Shili, Shili in Kombination mit Schritten, bis hin zum ganz freien Ausdruck im Jianwu oder „Gesundheitstanz“). Einzelne, „einfache“ Übungen werden über einen längeren Zeitraum geübt, z.B. über die Dauer die das Durchlaufen der gesamten Taiji Form einnimmt. Die Betonung liegt auf innere Qualität und genaue Wahrnehmung. Die Bewegungen werden ebenfalls langsam und fließend ausgeführt (außer Fali und Sanshou), die Betonung liegt auf der Vorstellungskraft, die eine innere Struktur aufbaut.

Auch die Polarität von Yin und Yang ist ein zentrales Element, die beiden widerstreitenden Kräfte sind jedoch immer gleichzeitig anstatt in klarem Wechsel von ganz voll zu ganz leer vorhanden.

Bei den Schritten dominiert eine natürliche, nicht zu weite und nicht zu enge Schrittstellung. Im Parallelstand (vorw. Gesundheitspflege) ist die Gewichtsverteilung 50/50; im T8 Schritt (Kampfanwendung) ist sie 70 (hinten)/30 (vorne). Durch die Vorstellungskraft mit widerstreitenden Kräften wird eine innere Struktur erhalten. Das Gewicht ist auf dem vorderen Teil des Fußes, die Waden sind unter einer gewissen Vorspannung. Die Schritte können frei kombiniert werden, Richtungsänderungen in alle Richtungen sind möglich. Die grundlegende Schritttechnik (Mocabu) wird mit verschiedenen Übungen (Shili, Tuishou) kombiniert.

Die Atmung ist natürlich und wird nicht speziell mit den Bewegungen koordiniert.

Im Tuishou wird vor allem mit beiden Armen gearbeitet, allerdings gibt es auch eine einhändige Übungsform. Das Pushen erfolgt nicht statisch sondern in freier Kombination mit Schritten, wodurch es realistischer wird und fließend ins Sanshou (Freikampf) übergehen kann. In der Haltung ist eine klare, stabile innere Struktur, trotz grundsätzlicher Entspannung spielt die „Zeigekraft“ eine wichtige Rolle. Beim Tuishou und Sanshou gilt der Grundsatz des „ständigen, unaufhaltsamen Vorandringens“, der Gegner wird ständig unter Druck gesetzt. Yiquan ist sehr direkt und geradlinig, anhand des Taiji Symbols kann Yiquan als die gerade Verbindung zwischen den beiden Punkten dargestellt werden.

Der Praxis des Zhanzhuang spielt, wie oben erwähnt, eine zentrale Rolle. Durch komplexe Vorstellungsarbeit wurde diese Methode im Yiquan perfektioniert und hilft unter anderem, den Körper zu einer Einheit mit einer starken inneren Struktur zu formen. Der Einsatz von Yi ist von zentraler Bedeutung, das heißt Inhalt geht vor äußere Form. Zhanzhuang ist die Hauptpraxis für Anfänger wie Fortgeschrittene.

Aspekt Taijiquan Yiquan
Geschichte/Ursprung Ca. 16 Jhd. nachweisbar; Ursprung unklar, mehrere Stile 20. Jhd., Wang Xiangzhai, ein Stil
Schule Neijia Laut Yao weder Neijia noch Weijia; sonst meist zu Neijia gezählt
Stile Fünf Hauptstile (Noch) einheitlich
Hauptpraxis Form Zhanzhuang (keine Form!)
Wushu/Qigong Oft unklar Klare Unterscheidung der Kampfkunst-Methoden und der Gesundheitspflege-Methoden
Übung Genau vorgegeben; nur in der Form; oft nur eine Seite; eine bis wenige Wiederholungen Frei kombinierbar; beide Seiten; oft nur eine Übung in vielen Wiederholungen
Innere Qualität Maximal entspannt, leer; leicht, langsam, fließend Mit Yi, mit innerer Struktur, mit Inhalt; leicht, langsam, fließend
Schritte Eher weit, Gewichtsverlagerung von ganz voll zu ganz leer, nicht eigens geübt, in Form festgelegt, nicht frei kombiniert Schrittstellung natürlich, 50/50 bzw. 70/30, innere Struktur, frei kombinierbar, eigens geübt
Atmung Mit Bewegung koordiniert Natürlich
Tuishou Vorw. Einhändig, statisch, entspannt/leer/passiv, kreisförmig Energie aufnehmen und wieder abgeben, wenig realistisch in Bezug auf Kampfanwendung Vorw. beidhändig, mit Schritten, innere Struktur, Zeigekraft, ständiges Vorandringen, aktiv, geradlinig, realistisch – fließender Übergang in Freikampf
Zhanzhuang Heute kaum Bedeutung, hauptsächlich als Stehmeditation Hauptpraxis, komplexe Vorstellungsarbeit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es trotz einiger weniger Parallelen wesentliche Unterschiede zwischen Taijiquan und Yiquan gibt und Yiquan keinesfalls als vereinfachtes Taijiquan betrachtet werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine völlig eigenständige Methode deren Trainingsaufbau und Anwendung sich in wesentlichen Punkten stark unterscheidet. Darüber hinaus liegen die Wurzeln des Yiquan im Xingyiquan und nicht im Taijiquan.

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